Erstreben und Treulosigkeit (Oder: Die Karwoche und wo ich mich entdecken kann)

Vorgestern habe ich einen englischsprachigen Artikel über die Reblog-Schaltfläche auf der Originalseite veröffentlicht. Heute hatte ich mehr Zeit und habe mir die Mühe gemacht, diesen Text in einigermaßen lesbares Deutsch zu übersetzen.

Der Originalbeitrag befindet sich auf https://shakenbygrace.wordpress.com     bzw. https://panicpreacherpanic.wordpress.com

Ich wünsche allen noch ein frohes Osterfest, (d.h. was noch davon übrig bleibt) und ein inspirierendes Leseerlebnis.

 

„Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser. Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.“ Johannes 19,15-16)

Seit meiner Kindheit habe ich die Ereignisse, die in meiner Glaubenstradition als die Heilige Woche (deutsch: Karwoche) bezeichnet werden,  hochspannend und erschreckend gefunden.

Wie konnten Menschen, die Jesus  am Anfang der Woche verehrten, sogar Palmzweige und ihre Kleider für ihn auf den Boden warfen, ihn Retter nannten und Hosianna riefen,  bis spätestens Freitag in den Chor derer einstimmen, die seinen Tod forderten? Und ohnehin, was ist so gut am Karfreitag?  (Englisch: Good Friday). Wie konnten die Jünger, die alles zurückgelassen hatten, ihm Treue geschworen, mit ihm gelebt, geredet und drei Jahre lang umhergezogen waren, ihn in seiner schwersten Stunde einfach aufgeben? Was für ein Jünger muss man sein, um sich so zu verhalten?

Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich ein Junge war. Doch als ich älter wurde folgten auf diese Fragen schwerwiegendere, neue Fragen. Solche Fragen erwuchsen aus meiner Lebenserfahrung und aus der Angst, die entstand, wenn mein Glaube auf die Probe gestellt wurde. Es waren Fragen wie: Hätte ich mich an ihrer Stelle auch so verhalten? Sicherlich ja. Ich habe auch so gehandelt.

Wie oft habe ich Christus für etwas viel weniger Erfüllendes aufgegeben? Wie oft habe ich ihn im einen Augenblick gelobt, ihn aber im nächsten verflucht? Wie oft habe ich mich in einer hellen Stunde ein Jünger nennen lassen, diesen Titel im Dunkeln aber aufgegeben, weil es mir zu schwer war, als Jünger zu leben.

Was heißt es, Christus treu zu sein und bin ich treu? Bist du? Ist überhaupt jemand von uns treu?

Wenn wir über Ostern und die wunderbare Auferstehung Jesu nachdenken, der für unser aller Sünde und Schande am Kreuz bezahlt hat, bete ich darum, daß wir nicht vergessen: Es waren unsere Übertretungen, weswegen er ans Kreuz musste.

Wir haben es nicht einfach mit einer Geschichte zu tun, die man über Persönlichkeiten in einem Buch liest. Die Geschichte in der Heiligen Schrift ist viel aufschlussreicher und wirkungsvoller. Wir selber sind eingeladen als Teil der Geschichte, wenn wir daran denken, dass Jesus aus Liebe zu uns allen am Kreuz blieb, denn unsere Sünden und unser Verrat sind beträchtlich, eine Schuld, die wir nie begleichen können.

Obgleich unsere Sünden rot wie Scharlach sind, hat er sie doch gewaschen, weiß wie der Schnee.

Und obwohl wir Vergebung empfangen haben, können wir doch den Preis, den die Vergebung gekostet hat, nie vergessen. Wir können uns nicht weigern, anderen zu vergeben, die das nicht verdient haben, denn das passt nicht zu unseren Hosianna-Rufen.

Wir können nicht an früheren Sünden festhalten, die uns zu Gebundenen unserer Schande machen.

Wir können nicht an aktuellen Sünden festhalten, aufgrund derer unsere Welt in Finsternis verhüllt bleibt.

Wir dürfen nicht vergessen, unsere Identität als Christ ist nicht darin begründet, wer wir gewesen sind, oder wofür wir gehalten wurden. Es kommt darauf an, dass wir zu Christus gehören.

Das Kreuz ist heute so wichtig wie ehedem.

Als Kind regte ich mich über Leute auf, die in einem Buch vorkamen. Jesus war der Held und die Menschen, die ihn verrieten, verleugneten, geißelten und töteten waren die Bösen und deswegen war ich wütend auf sie.

Doch das war bevor ich erkannte, dass ihre Geschichte meine Geschichte ist. Ich bin auch im Stande, so treulos zu sein und ich bin genauso schuldig.

Auf die Frage des Pilatus, ob Jesus ihr König sei, antworteten die Hohepriester, sie hätten keinen König außer dem Kaiser. Aber vielleicht war selbst das gelogen.

Ich selber habe als König meines eigenen Herzens und Lebens gelebt. Ich habe den Verdacht, dass das auf sie genauso zutraf.

Ich habe begierig danach gestrebt, ein heiliges Leben nach Regeln und Gesetzen zu führen und mein Herz mit Handschellen an etwas gekettet, was Gott entfernt ähnelte. Doch ich habe das Ziel nicht erreicht.

Ich habe nach allem anderen gestrebt außer einem heiligen Leben. Ich habe allem Möglichen gefrönt, um die Leere in mir zu füllen. Doch im Ergebnis blieb ich gebrochen und durch Schmerzen gefesselt.

Und ich bin in flüchtigen Augenblicken ehrlicher Klarheit Jesus dem Gekreuzigten und Auferstandenen gefolgt. Er rettet mich immer wieder. Ich verleugne ihn wie Petrus. Und ich verkaufe ihn wie Judas. Und ich renne einfach weg wie die anderen.

Preisgabe. Ich habe dieser wunderbaren Liebe ins Gesicht gespuckt.

Welch ein Gott, der mich immer noch liebt?

Er sucht mein Herz und meine Hingabe, selbst wenn ich auf sein Streben nicht eingehe und fröhlich dahin trotte, gerade so als gäbe es den, der meine Seele liebt gar nicht.

Freunde, wir denken über Ostern nach, und ich bete, daß wir uns daran erinnern, was es gekostet hat. Ich bete, daß wir das lebenspendende Evangelium immer wieder weitergeben. Ich bete, dass wir das Evangelium nie als Handbuch zur Selbsthilfe behandeln, sondern als einen Schlüssel, um Türen zu öffnen, damit Licht hereinkommt.

Gott ist treu, selbst wenn wir untreu sind.

Ich wünsche Euch eine frohe Osterwoche.

Ehrt Christus.

Haltet es heilig.

Alpha und Omega.

 

 

 

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